15 Jahre ist es ziemlich GENAU JETZT her, dass ich um zwei Kameraden bangen musste, die sich aufgrund einer unglücklichen Verkettung von Umständen auf einmal ganz allein auf der B99 zwischen Hagenwerder und Görlitz mitten im Hochwasser der Neiße wiederfanden. Ich war damals beim Zugführer des 2. Betreuungszuges (in Trägerschaft der Malteser in Deutschland )des neu gegründeten Landkreis Görlitz, eine Katastrophenschutz-Einheit, die sich bereits im Elbe-Hochwasser 2002 bewährt hatte, in der (vor meiner Zeit) auch Michael Kretschmer als Verpflichteter Dienst tat. Der Kreisbereitschaftsleiter des DRK Kreisverband Görlitz Stadt und Land e. V., Alexander Peter, hatte mich an diesem Samstag am frühen Nachmittag angerufen und aus einem 4-Tage-Kurzurlaub in Oberschlesien alarmiert. „Hochwasser“ lautete das Alarmstichwort, dass ich zuerst nicht glauben konnte, weil in Oberschlesien die Sonne strahlte und kein Wölkchen am Himmel zu sehen war. Als ich über die Autobahn gen Westen fuhr und jede Menge polnischer Militärfahrzeuge mit Booten und Amphibienfahrzeugen überholte ahnte ich, dass es doch tatsächlich ein richtiges Hochwasser sein müsse. Meine Einheit war bereits ohne mich auf dem Weg von Görlitz nach Zittau.eu um dort eine Notunterkunft für Menschen in Betrieb zu nehmen, die vor den Fluten der Neiße hatten fliehen müssen. Nach meinem Eintreffen stellten wir fest, dass die Kameraden eine nicht ganz unwichtige Kleinigkeit vergessen hatten: DECKEN!
Die Kameraden vom DRK-Kreisverband Zittau e.V. hätten sicher welche gehabt. Aber die waren ja selbst im Einsatz und unser Lager war voll mit Decken. Also beschloss ich, zwei Kameraden mit einem Mannschaftstransporter zurück nach Görlitz zu schicken, um rasch 200 Decken zu holen. Eine Entscheidung, die ich schon in weniger als einer Stunde bereuen sollte. Martin Schuetze und Philipp Weigert machten sich auf den Weg. Am Kreisverkehr in Hagenwerder sagten ihnen die Kameraden der Feuerwehr (oder der Polizei? Die beiden können die Geschichte besser erzählen als ich…), dass zwar schon Wasser an einigen Stellen auf der Strecke stehe, sie aber noch durchfahren könnten. Ich glaube, sie sind sogar noch einmal umgekehrt, weil sie meinten, das Wasser stehe schon zu hoch. Aber am Kreisverkehr bedeutete man Ihnen „Fahrt nur. Ihr schafft das!“. An einer kleinen Senke war schließlich das Wasser zu hoch. Wasser floss in den Auspuff. Wasserschlag! Motorschaden! Das Auto steht.
Mein Handy klingelt. Philipp ist dran und erklärt, was passiert ist. Ich sage: „Macht Euch keine Sorgen. Ich lasse Euch da rausholen.“ und rufe die Leitstelle an.
Bis die beiden tatsächlich gerettet wurden, vergingen mehrere Stunden. Die Kameraden der Freiwillige Feuerwehr Weinhübel fanden die beiden einfach nicht. Das Schlauchboot musste immer wieder über hunderte Meter getragen werden. Ein Knochenjob!
Währenddessen stieg das Wasser. Die beiden Kameraden hockten auf den Sitzen. Das Wasser stand inzwischen knapp unterhalb der Oberkante der Sitze. Philipp ruft mich wieder an und fragt ob Hilfe kommt. Es regnet, das Wasser steigt und steigt. Schließlich fliehen die beiden auf das Dach des Sprinters und harren dort im Regen und vollkommener Dunkelheit aus, bis sie weit nach Mitternacht gerettet werden.
Jedes Mal wenn ich den beiden begegne bin ich heilfroh, dass sie es beide überlebt haben. Nur wenige Meter neben der Stelle brach der Bahndamm der neben der Straße verläuft und das Hochwasser ergoss sich in den danebenliegenden Berzdorfer See. Hätte das Auto nur ein paar Meter weiter gestanden, wäre es vermutlich von der Flut mitgerissen worden.
Im Rückblick auf diesen Einsatz, die Flüchtlingsnothilfe, die Flutkatastrophe an der Ahr, die wachsenden kriegerischen Bedrohungen und die kontinuierlich zunehmenden Einsätze auf Grund von Unwetterereignissen ist mir in den vergangenen Jahren eines sehr klar geworden: Effektiver Bevölkerungsschutz ist mehr als nur eine Reaktion auf eine Krise, er ist auch eine Frage der Prävention. Unsere Fähigkeit, im Ernstfall zu helfen, hängt nicht nur davon ab, wie schnell und wie gut wir organisiert sind, sondern auch davon, wie gut wir als Gesellschaft auf solche Katastrophen vorbereitet sind – und was wir tun, um sie zu verhindern.
Klimawandel und Katastrophen sind nicht voneinander zu trennen. Das Hochwasser an der Neiße war ein dramatisches Beispiel dafür, wie extreme Wetterereignisse unser Leben aus der Bahn werfen können. Heute sind solche Ereignisse keine Einzelfälle mehr. Überschwemmungen, Stürme, extreme Regenfälle – sie nehmen zu, und sie werden uns immer häufiger herausfordern. Wir können nicht mehr nur darauf warten, dass die Naturkatastrophen über uns hereinbrechen und dann versuchen, Schäden zu minimieren. Wir müssen der Ursache auf den Grund gehen.
Klimaschutz ist also nicht nur ein Umweltproblem. Das Klima kommt gut ohne den Menschen aus, wir aber nicht ohne das richtige Klima. Klimaschutz ist Menschenschutz. Klimaschutz im Sinne der Prävention ist also Voraussetzung für den Bevölkerungsschutz. Wenn wir das Klima nicht ernsthaft schützen, werden wir weiterhin mit immer häufigeren und intensiveren Katastrophen konfrontiert werden. Der Schutz unserer Umwelt ist der Schutz unserer Gesellschaft. Nur durch eine konsequente Bekämpfung des Klimawandels können wir verhindern, dass Katastrophen wie diese immer schlimmer werden. Wir müssen Maßnahmen ergreifen, die uns vor den Folgen schützen und die Schäden, die Naturkatastrophen anrichten können, abmildern.
Die Erfahrungen aus dem Hochwasser von 2002, den dramatischen Rettungseinsätze von 2010 und dem Hochwasser an der Ahr haben eines gezeigt: Unsere Gesellschaft ist stark, wenn wir zusammenarbeiten. Aber wir müssen die Lehren aus der Vergangenheit ernst nehmen. Katastrophenschutz ist kein Selbstzweck, und er darf nicht nur darauf reagieren, was passiert. Wir müssen die Katastrophen auch als dringenden Weckruf verstehen, dass die Ursachen der Katastrophen bekämpft werden müssen.
Klimaschutz ist deshalb ein unverzichtbarer Teil des Bevölkerungsschutzes. Wenn wir eine Zukunft haben wollen, in der Menschen nicht mehr durch immer häufigere Naturkatastrophen überrollt werden, dann müssen wir endlich die richtigen Schritte im Klimaschutz gehen – JETZT.
Das Bild zeigt mich am Morgen in der als Notunterkunft genutzten Sporthalle des Berufsschulzentrum Görlitz während eines Interviews für RTL. Wer die ereignisse noch einmal Revue passieren lassen will, dem sei diese Dokumentation des MDR empfohlen: https://www.youtube.com/watch?v=z_kuzT6ZHGU