Blick durch eine andere Brille


Der russische Nachrichtenkanal RT Deutsch präsentiert „alternative Fakten“ über den Zweiten Weltkrieg

Von Markus Kremser

Das Video startet mit getragener Musik und Zitaten von Voltaire, Karl Marx und Winston Churchill, bevor der Moderator in einer Winterlandschaft erscheint. In tiefem, kumpelhaftem Ton begrüßt der Schauspieler Claude-Oliver Rudolph die Zuschauer: „Ich freu mich, dass ihr heute dabei seid, zu unserem Special am 27.1. Wir feiern heut’ den Jahrestag, und zwar den Jahrestag der Befreiung der Roten Armee des KZ Auschwitz-Birkenau.“ Dann erklärt Rudolph denen, „die zu jung sind“, was in Auschwitz passiert ist. Danach geht es nach Görlitz im Winter 2017.

Einige tausendmal ist der Beitrag bis gestern Abend angeklickt worden, mit dem der russische Nachrichtenkanal RT Deutsch den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz „feiert“ – und an die Befreiung der Stadt Görlitz durch die Rote Armee erinnert.

„Claude-Oliver Rudolph erzählt die Geschichte nach und besuchte die Grenzstadt Görlitz, die die Rote Armee bei ihrem Vormarsch unversehrt gelassen hatte“, schreibt der Sender in der Ankündigung des Videobeitrages auf seiner Webseite. Der Moderator, der mit dem Kriegsfilm-Klassiker „Das Boot“ bekannt wurde, nennt den Einmarsch der sowjetischen Truppen einen „gewaltfreien Handstreich“. Ohne einen Schuss, ohne eine Bombe sei die Stadt eingenommen worden.

Eine Sichtweise, über die Winfried Töpler nur den Kopf schütteln kann. „Dass Görlitz von Kampfhandlungen im Wesentlichen verschont blieb, hat andere Ursachen“, sagt der Historiker, der sich in mehreren Veröffentlichungen mit der Kriegs- und Nachkriegszeit in der Region auseinandergesetzt hat. Der Kriegsverlauf sei für Görlitz einfach ein vergleichsweise glücklicher gewesen, die Front habe die Stadt verschont. Und dennoch seien auch hier Bomben gefallen. Die Sanierung der katholischen St.-Jakobus-Kathedrale in den letzten Jahren habe gerade „die letzten Kriegsspuren beseitigt“. Erst am 8. Mai kam die Rote Armee nach Görlitz.

Noch deutlicher wird Ronny Kabus, der als der profundeste Kenner der Zeit rund um das Kriegsende in Görlitz gilt. „Der Schauspieler Claude-Oliver Rudolph klittert in dem Video tatsächlich eine Menge Unsinn zusammen“, sagt Kabus. Insgesamt sei der Film „sehr schlichte Propaganda im früheren Sowjet- und SED-Stil mit einem Kommentator, der nicht unbedingt für kritische Intelligenz steht“, so Kabus.

In dem achtminütigen Beitrag behandelt der von Kritikern als „russischer Propagandasender“ bezeichnete Sender „Russia Today“ gleich in einem Aufwasch die Befreiung des KZ Auschwitz und berichtet aus der Stadt Görlitz, von den Machern als „Wintermärchen“ angekündigt. Claude-Oliver Rudolph führt im roten Jogginganzug durch den skurrilen Beitrag, das Gesicht dabei fast zur Hälfte von einer schwarzen Sonnenbrille verdeckt.

Im Theater, in der Synagoge und in der Oberlausitzer Bibliothek der Wissenschaft wurde für den Beitrag gedreht. Die Pressestelle der Stadt Görlitz war nach Angaben von Stadtsprecher Wulf Stibenz nicht in die Dreharbeiten eingebunden und hat auch keine Drehgenehmigung für die Synagoge erteilt. „Die Stadt Görlitz prüft deshalb derzeit rechtliche Schritte gegen RT Deutsch und den verantwortlichen Redakteur“, sagt Stibenz. Zwar wisse man bei der Stadt, dass es den Fernsehsender RT Deutsch gebe, man habe den Fernsehsender aber bisher nicht mit Pressemitteilungen versorgt.

Stattdessen wurden die Dreharbeiten von der Europastadt Görlitz/Zgorzelec GmbH (EGZ) begleitet. „Wir wussten, wie der Sender einzuordnen ist, kennen den Gesamtzusammenhang“, sagt Prokuristin Eva Wittig.

Der „Gesamtzusammenhang“ ist so vielschichtig, dass man ihn auch „schillernd“ nennen kann. Der Fernsehsender RT wurde 2005 als Auslandssender „Russia Today“ (Russland heute) gegründet und wird vom russischen Staat finanziert, um das Russland-Image im Ausland zu verbessern. Seit November 2014 existiert der deutsche Ableger RT Deutsch. Man wolle die russische Sichtweise auf das internationale Geschehen vorstellen und ein Gegengewicht zu westlichen Medien darstellen, verkündete RT Deutsch zum Start des Programmes 2014. Dieses Gegengewicht hat der Sender vor allem in rechtspopulistischen Kreisen. Während deutsche Journalisten sich bei Pegida-Demonstrationen regelmäßig den Vorwurf anhören durften, zur „Lügenpresse“ zu gehören, waren die Kamera-Teams von RT Deutsch bei Pegida gern gesehen. Der Sender streamte die Reden und das Demonstrationsgeschehen live in alle Welt. Auch die Alternative für Deutschland (AfD) hat einen großen Platz in der Berichterstattung. Ein mehr als halbstündiges Interview mit AfD-Chefin Frauke Petry ist nicht nur mehr als 214.000 mal geklickt worden. Die AfD wirbt für RT Deutsch, bringt dem Nachrichtenkanal so Klickzahlen. Frauke Petry verlinkt den Sender auf ihrem Facebookprofil ebenso wie andere Politiker der Partei.

„Nicht alles ist gelogen und verbogen, manch kritischer Beitrag hat seine Berechtigung“, schreibt die Wochenzeitung DIE ZEIT über RT Deutsch. Echte Nachrichten und Analysen hätten im Programm ihren Platz neben „irrelevant Buntem und purem Unsinn – das macht diese Art der Propaganda aus“. Insgesamt sei es haarsträubend, was dort als Journalismus verkauft werde.

Unklar ist die tatsächliche Struktur von RT Deutsch und der dazugehörigen Nachrichtenagentur „Ruptly“, die ihre Räume am Potsdamer Platz hat, während als offizielle Adresse von RT Deutsch „Am Studio 16“ in Berlin-Adlershof angegeben wird. 

In Görlitz hatten die RT Deutsch-Mitarbeiter angekündigt, ein „Portrait“ der Stadt Görlitz drehen zu wollen, sagt Eva Wittig. „Wir haben versucht, das vorsichtig in die ‚kulturelle Ecke’ zu schieben“, so die EGZ-Mitarbeiterin. Schließlich könne man Dreharbeiten in der Stadt nicht verbieten.

So wurde auch der Dreh im Görlitzer Theater und in der Oberlausitzer Bibliothek der Wissenschaft von der EGZ eingefädelt. „Bei uns steht im Kalender, dass ein russisches Filmteam hier war“, sagt Bibliothekarin Karin Stichel und nimmt Matthias Wenzel, den Leiter der Bibliothek in Schutz: „Ich bezweifele, dass er wusste, was die hier drehen“.

In dem Beitrag wird der Eindruck erweckt, es sei ein Verdienst der Roten Armee, dass die Oberlausitzer Bibliothek der Wissenschaften das Kriegsende „überlebt“ hat. Und auch die Wiedereröffnung des Theaters nach dem Kriegsende wird dargestellt, als sei es alleiniges Verdienst des damaligen sowjetischen Stadtkommandanten, Gardeoberst Iljitsch Nesterow. Die Verdienste der sowjetischen Kulturoffiziere will auch der Theaterwissenschaftler Wolfgang Wessig nicht kleinreden. „Ohne Frage wäre das Theater ohne Anweisung der Sowjets so schnell nicht wiedereröffnet worden. Man muss bedenken, welche Situation die Stadtverwaltung damals zu bewältigen hatte“, sagt Wessig, der die Geschichte des Görlitzer Theaters erforscht hat. Man müsse aber auch anerkennen, was Max Grundmann geleistet habe, der als Übergangsintendant diese erste „Sommerspielzeit“ bis zum 1. August 1945 geleitet hat. In Rekordzeit holte er Schauspieler nach Görlitz, die noch vor wenigen Wochen an der Front zur Truppenbetreuung eingesetzt waren. Grundmann, der bis zur Schließung aller Theater im September 1944 als Schauspieler Teil des Görlitzer Ensembles war, brachte nach den schrecklichen Ereignissen erst einmal Unterhaltungstheater auf die Bühne. Den Auftrag zur Wiedereröffnung habe Oberst Nesterow Ende Mai 1945 erteilt, sagt Wessig. „Das war ein Teil der Truppenbetreuung, diente aber auch der schrittweisen Normalisierung der Lebensverhältnisse. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen“.

Doch nicht nur mit den lokalen Fakten geht RT Deutsch „alternativ“ um. „Die rote Armee marschierte in Polen ein und befreite selbstverständlich als erstes das KZ Auschwitz-Birkenau“, erklärt Claude-Oliver Rudolph. Die historischen Fakten sind andere. Die Sowjetunion war selbst am Überfall auf Polen beteiligt, marschierte am 17. September 1939 in Ostpolen ein. Nicht nur der Massenmord von Katyn an über 4.000 polnischen Gefangenen, begangen durch die Rote Armee, bleibt unerwähnt. Nach dem deutschen Überfall auch auf die Sowjetunion kämpft die Rote Armee gegen die Deutsche Wehrmacht und erobert dann auch polnisches Territorium. Auschwitz war hier aber weder das erste noch das letzte Konzentrationslager, das befreit wurde. Aus zahlreichen Aufzeichnungen lässt sich belegen, dass die Sowjetischen Truppen selbst bereits Monate vorher die Insassen von zwei Konzentrationslagern befreit haben: Am 23. Juli 1944 Majdanek in Polen und am 13. Oktober 1944 Riga-Kaiserwald in Lettland.


Dieser Text ist am 15. Februar 2017 in der Sächsischen Zeitung erschienen.

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