Energie im Fadenkreuz
11. April 2024: Russische Raketen vernichten das Großkraftwerk Trypilska vor Kiew. April 2024: Die International Atomic Energy Agency (IAEA) meldet erneut, dass Europas größtes Atomkraftwerk Saporischschja (ZNPP) zeitweise ohne externe Stromleitung auskommen muss – ein Sicherheitsrisiko ersten Ranges. Seit 2022: Angriffe trafen Heiz- und Kraftwerke in zahlreichen Städten, u. a. Charkiw (CHPP‑5, Sep 2022), Kiew (Okt 2022; Apr 2024 Trypilska‑TPP zerstört), Lwiw (Okt 2022), Burschtyn/Iwano‑Frankiwsk (Okt 2022), Ladyschyn/Winnyzja (Okt 2022), Odessa (Nov 2024/März 2025, Heizinfrastruktur) und Mykolajiw (Feb 2025).
September 2022: Explosionen zerreißen die Nord‑Stream‑Pipelines in der Ostsee; Ermittler bestätigen später Sabotage. Damit ist klar: Auch Unterwasser‑Infrastruktur – Pipelines, Datenkabel – ist verwundbar und schwer zu schützen.
Seit 2023/24: Angriffe auf Handelsschiffe im Roten Meer stören globale Routen. LNG‑Tanker werden um Afrika herumgeleitet, Öl‑ und Kohlefrachter benötigen Umwege oder Geleitschutz. Im Krisen- oder Kriegsfall sind Seewege als Transportrouten für Energie unsicher – mit direkten Folgen für Lieferzeiten, Preise und Verfügbarkeit in Europa.
Diese Ereignisse markieren eine Zäsur: Energieanlagen sind zu Primärzielen moderner Gewalt geworden – Strom, Wärme, Treibstoffe gleichermaßen. Zugleich wirkt Energie als politisches Druckmittel: 2022 lernte Europa, wie stark fossile Abhängigkeiten zur Erpressung taugen („weaponisation of energy“). Die Gegenstrategie der European Union heißt REPowerEU: sparen, diversifizieren, erneuerbar ausbauen.
Was folgt daraus? Versorgungssicherheit darf nicht länger von wenigen großen Anlagen, langen Lieferketten und verwundbaren Seewegen abhängen. Resilienz entsteht, wenn Erzeugung breiter aufgestellt, näher am Bedarf und notfalls eigenständig ist:
- Wind und Solar vor Ort,
- Batteriespeicher, die Stunden bis Tage überbrücken,
- Mikronetze – lokale Netze, die sich bei Störung abkoppeln und kritische Verbraucher weiter versorgen,
- Demand Response – große Verbraucher, die Lasten gezielt verschieben, um das System in Engpässen zu stabilisieren.
Dieselaggregate bleiben wichtig – aber als Teil eines hybriden Systems statt alleinige Lebensversicherung.
Der folgende Beitrag ordnet das sicherheitspolitisch (Vorgaben der NATO) ein, zieht Lehren aus der Ukraine und übersetzt sie in konkrete Schritte für Katastrophenschutz und die EE‑Branche.
1) Ausgangslage: Energie ist ein sicherheitspolitischer Hebel — und ein Angriffsziel
Strom- und Brennstoffversorgung sind zentrale Ziele für hybride Angriffe und physische Sabotage. NATO-Staaten haben deshalb 2016 sieben „Baseline Requirements“ beschlossen und seitdem konkretisiert. Eines davon lautet „resiliente Energieversorgung“ – inklusive Back-up-Plänen und belastbaren Netzen über Grenzen hinweg, damit staatliche Funktionen und militärische Fähigkeiten auch bei Störungen erhalten bleiben.
Aktuelle Bündnisbeschlüsse bekräftigen das Ziel, militärische Kräfte mit sicheren, resilienten und nachhaltigen Energieströmen zu versorgen („secure, resilient, and sustainable energy supplies, including fuel“). „Nachhaltig“ ist hier bewusst Teil des Auftrags: technologieoffen, aber Erneuerbare ausdrücklich eingeschlossen.
Kernbotschaft: Versorgungssicherheit ist heute ein Systemthema. Sie entsteht durch Diversifizierung – nicht nur nach Lieferländern, sondern strukturell: mehr heimische, verteilte Erzeugung (Wind, Solar), Speicher und steuerbare Nachfrage. So sinken Abhängigkeiten und einzelne Ausfälle schlagen weniger durch.
2) Diesel im Einsatz: unersetzlich – aber allein nicht hinreichend
Für Feldlager, Einsatzleitungen und Blackout-Szenarien war das Dieselaggregat über Jahrzehnte die Nr. 1: verfügbar, vertraut, schnell startklar. Das bleibt wichtig. Zugleich zeigen belastbare Analysen:
- Betriebliche Grenzen: Ausfallrisiken (Filter, Regler, Kühlung), Qualitätsprobleme (Dieselpest) und vor allem Logistik sind die neuralgischen Punkte längerer Lagen. Leitfäden von NREL, FEMA und EPA empfehlen deshalb, Hybrid-Lösungen (Erneuerbare + Speicher + Diesel) zu bevorzugen, um Verfügbarkeit zu erhöhen und Treibstoff zu strecken.
- Leistungsdaten: Diesel enthält ca. 38 290 kJ/L (= 10,64 kWh/L). Bei typischen Generatorwirkungsgraden bleiben ≈ 3,7 kWh/L elektrisch nutzbar. 1 000 L tragen eine 50‑kW‑Dauerlast rechnerisch knapp drei Tage – im Realbetrieb weniger.
Praxisbeleg aus der NATO: In Übungen mit hybriden Mikronetzen (PV, Speicher, Laststeuerung) sank der Treibstoffverbrauch im Lagerbetrieb gegenüber „Diesel 24/7“ um bis zu 90 %. Das erhöht die Durchhaltefähigkeit und reduziert Konvoi-Risiken.
Mikronetz (Microgrid) = lokales Stromnetz aus Verbrauchern und dezentralen Erzeugern/Speichern, das normal am Verbundnetz arbeitet, sich bei Störung abkoppeln und autonom („Inselbetrieb“) versorgen kann.
3) Was Teile der EE‑Branche oft unterschätzen — und warum genau das ihre Stärke ist
Viele Wind-/PV‑Akteure denken kaum in Verteidigungs- oder Katastrophenszenarien. Genau hier liegen Pluspunkte:
- Weniger attraktive Ziele: Viele kleine, verteilte Anlagen sind schwerer gleichzeitig zu stören als wenige Großkraftwerke/Pipelines.
- Kurze Wiederanlaufzeiten: PV/Batterie‑Systeme können kritische Lasten (z. B. Leitstellen, Wasser/Abwasser, Kommunikation) schnell überbrücken und Inselnetze bilden.
- Weniger Treibstoffkonvois: Jede Kilowattstunde aus PV/Wind spart Diesel; Hybrid‑Layouts reduzieren Nachschubabhängigkeit – eine klassische Verwundbarkeit.
Steuerbare Nachfrage (Demand Response) = gezieltes Verschieben/Reduzieren von Verbrauch in Engpasszeiten (oft gegen Vergütung); das entlastet das Netz und erhöht die Versorgungssicherheit, ohne zusätzliche Erzeugung.
4) Von politischer Abhängigkeit zu struktureller Resilienz
Die Internationale Energieagentur (IEA) zeigte 2022, wie Erneuerbare, Effizienz und Lastverschiebung den Gasimportdruck in Europa binnen eines Jahres deutlich senken können – bei stabiler Versorgung. Das ist Sicherheits‑, nicht nur Klimapolitik.
Parallel warnt die IEA: Stromnetze drohen zum Bottleneck zu werden, wenn Investitionen nicht Schritt halten. Resilienz braucht Netzausbau, Modernisierung und Flexibilitätsoptionen (Speicher, Demand Response). ENTSO‑E quantifiziert diese Flexibilitätsbedarfe bis 2030+. EE‑Ausbau und Flex gehören also zusammen.
5) Lehren aus der Ukraine: Dezentralisierung erhöht Durchhaltefähigkeit
Die ukrainische Regierung verknüpft den Wiederaufbau ausdrücklich mit dezentraler Erzeugung (Wind, Solar, Speicher) – als Mittel für Energiesicherheit und Resilienz unter Angriffen. Der Ukraine Facility Plan 2024–2027 hält fest, dass dezentrale Wind-/Solar‑Erzeugung die Energiesicherheit deutlich steigert. Die IEA‑Roadmap empfiehlt verteilte Ressourcen (PV, Wind, Batterien, kleine Gasturbinen) als widerstandsfähige Basis.
Übertragbar: Verteilte EE‑Kapazitäten begrenzen Schadensradien, verkürzen Wiederanlaufzeiten und entlasten überregionale Engstellen.
6) Was heißt das konkret – für Katastrophenschutz und EE‑Branche?
Für den Katastrophenschutz (Einsatz, Kliniken, Wasser/Abwasser, Kommunen)
- Vom Aggregat zur Architektur: Hybrid‑Mikronetze (PV/Speicher + Diesel/Gasturbine als Spitzen‑/Brückenlast) an Resilienz‑Hubs (z. B. Leitstellen, Wasserwerke). Ziel: mehrtägige Autarkie statt reiner Überbrückung. FEMA/EPA bieten Checklisten.
- Kraftstoffrisiko aktiv managen: Qualität, Last‑Probeläufe, Filter‑Redundanz, Nachschub als eigenes Einsatzszenario; NREL fasst typische Ausfallmuster zusammen.
- Priorisieren: Zuerst KRITIS (Wasser/Abwasser, Gesundheit, Kommunikation) hybridisieren; Schnittstellen zum Netzbetreiber klären (Schutz, Inselmodus).
Für die EE‑Branche (Wind, PV, Speicher)
- Resilienz „by design“: Insel‑ und Schwarzstartfähigkeit mitplanen; Übergabepunkte zu kritischen Lasten vorsehen (z. B. Klinik, Leitstelle). DOE bietet definitorische und planerische Leitfäden.
- Hybrid statt Entweder‑Oder: Grund‑/Mittellast aus PV+Speicher; flüssige Brennstoffe für Spitzen und lange Dunkelflauten. NATO‑Praxis zeigt den Treibstoff‑Spareffekt und die logistische Entlastung.
- Flexibilitätsdienste anbieten: Frequenz‑/Spannungsstützung und Demand Response erhöhen Netzstabilität und Wirtschaftlichkeit – ENTSO‑E beschreibt die Bedarfe, DOE/IEA definieren Mechanismen.
7) Mobilität und Kraftstoffe nüchtern betrachten
Für Fahrzeuge im Einsatz bleiben flüssige Energieträger (Diesel, Kerosin) unverzichtbar. Dennoch reduziert lokale Stromerzeugung (PV + Speicher) auf Liegenschaften den Brennstoffbedarf von Aggregaten, schont Reserven für Fahrzeuge und verkürzt Nachschubketten. In Summe erhöht das die Durchhaltefähigkeit.
Fazit
Erneuerbare + Speicher + Mikronetze sind 2025 keine „Option“, sondern eine Sicherheitsinvestition: Sie verteilen Risiken, verkürzen Ausfallzeiten, reduzieren Brennstoffabhängigkeiten und stärken staatliche Handlungsfähigkeit. Diesel‑Aggregate bleiben wichtig — als Teil hybrider Architekturen. Den EE‑Ausbau jetzt zu bremsen, wäre sicherheitspolitische Geisterfahrerei.
Quellen:
- NATO – Resilience, civil preparedness and Article 3: https://www.nato.int/cps/en/natohq/topics_132722.htm
- NATO – Summit Guide Brussels 2018 (Baseline Requirements erwähnt): https://www.nato.int/nato_static_fl2014/assets/pdf/pdf_2018_07/20180718_180711-summit-guide-brussels.pdf
- NATO – Washington Summit Declaration 2024 („secure, resilient, and sustainable energy supplies, including fuel“): https://www.nato.int/cps/en/natohq/official_texts_227678.htm
- NATO – Topic: Energy security: https://www.nato.int/cps/en/natohq/topics_49208.htm
- NATO – NATO tests smart energy technologies… (Capable Logistician / bis 90 % weniger Treibstoff): https://www.nato.int/cps/en/natohq/news_166827.htm
- IEA – A 10‑Point Plan to Reduce the EU’s Reliance on Russian Natural Gas: https://www.iea.org/reports/a-10-point-plan-to-reduce-the-european-unions-reliance-on-russian-natural-gas
- IEA – Electricity Grids and Secure Energy Transitions: https://www.iea.org/reports/electricity-grids-and-secure-energy-transitions
- ENTSO‑E – System Flexibility Needs for the Energy Transition (Web): https://www.entsoe.eu/system-flexibility/ ENTSO‑E – System Flexibility Needs… (PDF): https://eepublicdownloads.blob.core.windows.net/public-cdn-container/clean-documents/Publications/System_Needs/entso-e_System_Needs_Energy_Transition_v10.pdf
- Government of Ukraine – Ukraine Facility Plan 2024–2027: https://www.ukrainefacility.me.gov.ua/wp-content/uploads/2024/03/ukraine-facility-plan.pdf
- IEA – Empowering Ukraine Through a Decentralised Electricity System (Web): https://www.iea.org/reports/empowering-ukraine-through-a-decentralised-electricity-system IEA – Empowering Ukraine Through a Decentralised Electricity System (PDF): https://iea.blob.core.windows.net/assets/b9124406-5b8b-444f-8b20-c4fc22a9221e/EmpoweringUkraineThroughaDecentralisedElectricitySystem.pdf
- NREL – Emergency Diesel Generator Reliability and Installation (NREL/TP-5C00-76553): https://www.nrel.gov/docs/fy20osti/76553.pdf
- FEMA – Emergency Power Systems for Critical Facilities (P‑1019): https://www.fema.gov/sites/default/files/2020-07/fema_p-1019_final_02-06-2015.pdf
- EPA – Power Resilience Guide for Water & Wastewater Utilities (2023): https://www.epa.gov/system/files/documents/2023-05/PowerResilienceGuide_2023_508c.pdf
- U.S. Bureau of Transportation Statistics – Energiegehalt Diesel (38 290 kJ/L): https://www.bts.gov/content/energy-consumption-mode-transportation-0
- DOE (GDO) – Microgrid Overview (Definition, Funktionen): https://www.energy.gov/sites/default/files/2024-02/46060_DOE_GDO_Microgrid_Overview_Fact_Sheet_RELEASE_508.pdf $1
- IAEA – Nuclear Safety, Security and Safeguards in Ukraine (Themenseite): https://www.iaea.org/topics/response/nuclear-safety-security-and-safeguards-in-ukraine
- IAEA – Update 248: Director General Statement on the situation in Ukraine (ZNPP, April 2024-Vorfälle): https://www.iaea.org/newscenter/pressreleases/update-248-iaea-director-general-statement-on-situation-in-ukraine
- IAEA – Zwei Jahre IAEA-Präsenz am AKW Saporischschja (Bericht, 2024): https://www.iaea.org/sites/default/files/documents/two-years-of-iaea-continued-presence-at-the-zaporizhzhaya-nuclear-power-plant.pdf
- Reuters – Russian missiles destroy Trypilska power plant near Kyiv (11. Apr. 2024): https://www.reuters.com/world/europe/russian-missile-strike-targets-cities-across-ukraine-2024-04-11/
- Reuters – Drone strikes damage a thermal power plant; heating cuts in Mykolajiw (16. Feb. 2025): https://www.reuters.com/world/europe/russian-overnight-attacks-injure-one-damage-infrastructure-houses-ukraine-2025-02-16/
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- European Commission – REPowerEU (offizielle Seite): https://commission.europa.eu/topics/energy/repowereu_en
- European Commission – REPowerEU Roadmap (2025): https://energy.ec.europa.eu/strategy/repowereu-roadmap_en $126) Reuters – Sweden drops Nord Stream gas leak probe, says sabotage confirmed (7 Feb 2024): https://www.reuters.com/world/europe/sweden-drops-nord-stream-gas-leak-probe-says-sabotage-confirmed-2024-02-07/
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- Reuters – Burshtyn thermal power plant seriously damaged (20 Oct 2022): https://www.reuters.com/world/europe/ukraines-burshtyn-power-plant-seriously-damaged-regional-governor-2022-10-20/
- Ukrainska Pravda – Follow‑up attack on Ladyzhyn Thermal Power Plant (11 Oct 2022): https://www.pravda.com.ua/eng/news/2022/10/11/7371435/
- Reuters – Odesa: heating infrastructure damaged; boiler plant shut down (14 Nov 2024): https://www.reuters.com/world/europe/russian-drone-attack-damages-energy-installations-ukraines-odesa-2024-11-14/
- Reuters – Odesa: energy infrastructure strike triggers power cuts, knocks out heating systems (3 Mar 2025): https://www.reuters.com/world/europe/russian-drone-attack-causes-power-cuts-ukraines-odesa-governor-says-2025-03-03/
- IEA – Ukraine’s energy system under attack (CHP/boiler houses damaged, 2022–May 2024): https://www.iea.org/reports/ukraines-energy-security-and-the-coming-winter/ukraines-energy-system-under-attack