Sand, Solarzellen und Elektroautos – Energiewende und Bevölkerungsschutz

Nachdem angesichts des Stromausfalls in Berlin erneut nach Lösungen gesucht wird, die die Resilienz der Wohnbevölkerung erhöhen und zugleich wirtschaftlich tragfähig sind, lohnt ein nüchterner Blick auf technische Optionen, die im Alltag Komfort und Kosteneffizienz verbessern und im Krisenfall einen realen Mehrwert bieten. Viele dieser Lösungen sind verfügbar, erprobt und lassen sich insbesondere im Gebäudebestand und auf Quartiersebene umsetzen. Der Immobiliensektor ist dabei ein zentraler, bislang unterschätzter Hebel.

1. Wärmespeicher (Gebäude- und Quartiersebene, Schwerpunkt saisonal)

Saisonale Wärmespeicher adressieren eines der Kernprobleme der Energiewende: die zeitliche Entkopplung von Energieerzeugung und Wärmebedarf. Während erneuerbarer Strom – insbesondere aus Photovoltaik – im Sommer in großen Mengen verfügbar ist, liegt der Wärmebedarf im Winter. Bereits heute entstehen im Sommer regelmäßig Solarstromspitzen, die nicht vollständig genutzt werden können und zu Abregelungen oder sehr niedrigen Börsenpreisen führen.

Großvolumige Wärmespeicher mit mineralischen Speichermedien, etwa Sand- oder Basaltspeicher, sind technisch in der Lage, diese Überschüsse über Wochen oder Monate zu speichern und im Winter für Raumwärme und Warmwasser bereitzustellen. Auf Gebäudeebene erhöhen Wärmespeicher die Effizienz von Wärmepumpen und reduzieren elektrische Lastspitzen. Auf Quartiersebene ermöglichen sie gemeinsame Speicher mit besseren Wirkungsgraden und Skaleneffekten.

Die Nutzung von Solarstromspitzen und die zeitliche Verschiebung von Lasten entlasten die Stromnetze, erhöhen die Versorgungssicherheit in Ausnahmesituationen und senken die Wärmekosten durch die Nutzung sehr günstigen Überschussstroms. Gleichzeitig wird fossile Wärmeerzeugung systematisch verdrängt.

2. Aufdach-PV und Balkonsolar

Aufdach-Photovoltaik und Balkonsolar verlagern Stromerzeugung direkt an den Verbrauchsort. Dadurch sinken Transportverluste, Verteilnetze werden entlastet und die Abhängigkeit von volatilen Strommärkten nimmt ab. Mit dem schrittweisen Auslaufen der EEG-Vergütung für Bestandsanlagen gewinnt der Direktverbrauch zunehmend an Bedeutung. Strom, der vor Ort genutzt wird, ist bereits heute wirtschaftlich attraktiver als Einspeisung zu niedrigen oder negativen Marktpreisen.

Hinzu kommt, dass die beihilferechtliche Genehmigung des EEG-Fördermodells auf EU-Ebene zum 31.12.2026 ausläuft. Für die Zeit danach ist nicht gesichert, dass Solarstrom weiterhin in vergleichbarem Umfang gefördert wird. Vielmehr ist davon auszugehen, dass Einspeisung – wenn überhaupt – nur noch in deutlich geringerem Maße vergütet wird und sich stärker am Markt orientiert. Damit verschiebt sich der wirtschaftliche Fokus zwangsläufig von der Einspeisung hin zur lokalen Nutzung.

Solarstrom zählt heute zu den preiswertesten Energieformen überhaupt. Die Grenzkosten der Erzeugung liegen nahe null, und selbst inklusive Investition ist Strom aus Photovoltaik langfristig deutlich günstiger als Haushaltsstrom aus dem Netz. Balkonsolar erweitert diesen Ansatz auf Mieterhaushalte und ermöglicht eine breite Beteiligung an der dezentralen Erzeugung.

3. Inselfähige Stromspeicher

Batteriespeicher übernehmen die kurzfristige Flexibilisierung im Stromsystem. Sie nehmen Solarstromspitzen auf, erhöhen den Eigenverbrauch und reduzieren Abregelungen. In Verbindung mit Photovoltaik werden sie mit dem Auslaufen der EEG-Förderlogik zu einem zentralen wirtschaftlichen Faktor für Anlagenbetreiber, da sie die Nutzung des selbst erzeugten Stroms maximieren.

Der entscheidende Zusatznutzen liegt in der Inselfähigkeit. Gebäude oder Quartiere können sich bei Netzausfällen temporär vom öffentlichen Netz trennen und weiterhin versorgt bleiben. Für den Katastrophenschutz bedeutet das funktionsfähige Basisinfrastruktur ohne mobile Aggregate: Beleuchtung, Kommunikation, Steuerungstechnik oder medizinische Geräte bleiben verfügbar.

4. Vehicle-to-Grid-fähige Elektroautos

Elektrofahrzeuge stellen große, bislang ungenutzte Speicherkapazitäten bereit. Mit bidirektionaler Ladefähigkeit können sie Solarstrom aufnehmen, zwischenspeichern und bei Bedarf wieder abgeben. Damit werden sie zu einem aktiven Bestandteil des Energiesystems.

Im Normalbetrieb unterstützen sie die Eigenverbrauchsoptimierung und die Netzstabilität, indem sie bevorzugt dann laden, wenn Solarstrom im Überfluss vorhanden ist. In Krisensituationen können sie als mobile oder stationäre Stromquelle dienen – für Gebäude, Quartiere oder Einsatzstellen. Gleichzeitig leisten sie einen Beitrag zur Dekarbonisierung des Verkehrssektors.

Dezentrale Energiesysteme sind Multiple-Use-Assets

Bevölkerungsschutz und Resilienz (einschließlich ziviler Verteidigungsfähigkeit)
Dezentrale Energieinfrastrukturen erhöhen die Resilienz der Bevölkerung erheblich, weil sie Abhängigkeiten von zentralen Erzeugern und überregionalen Netzen reduzieren. In Kombination aus Aufdach-PV, saisonalen Wärmespeichern, inselfähigen Stromspeichern und Vehicle-to-Grid-fähigen Elektrofahrzeugen entstehen Versorgungsinseln, die auch bei großflächigen Stromausfällen funktionsfähig bleiben können. Für den Bevölkerungsschutz bedeutet dies eine strukturelle Stärkung der zivilen Verteidigungsfähigkeit: Wärme, Licht, Kommunikation und grundlegende medizinische Versorgung lassen sich lokal aufrechterhalten. Der Ansatz folgt konsequent dem Prinzip des Double-Use und Triple-Use: Infrastruktur, die im Alltag Kosten senkt und Emissionen vermeidet, übernimmt im Krisenfall eine sicherheitsrelevante Funktion – ohne zusätzliche Sonderinfrastruktur vorhalten zu müssen. Gerade im Gebäudebestand und in Quartieren entsteht so ein Multiple-Use-System, das zivile Nutzung, Katastrophenvorsorge und Energieversorgung miteinander verbindet.

Energiessystem und Netzbetrieb
Für das Energiesystem bedeutet Dezentralität vor allem zusätzliche Flexibilität. Saisonale Wärmespeicher nehmen Überschüsse aus der Stromerzeugung auf, Batteriespeicher glätten kurzfristige Lasten, und Vehicle-to-Grid-fähige Fahrzeuge erweitern die verfügbare Speicherleistung erheblich. Damit lassen sich bereits heute auftretende Solarstromspitzen systemdienlich nutzen, anstatt sie abzuregeln. Mit dem erwartbaren Rückgang der Einspeisevergütung nach Auslaufen der beihilferechtlichen EEG-Genehmigung wird diese lokale Nutzung zunehmend zum Regelfall. Der Mehrwert entsteht nicht durch einzelne Technologien, sondern durch deren Kombination im Sinne eines Multiple-Use-Ansatzes: Erzeugung, Speicherung, Wärmebereitstellung und Mobilität greifen ineinander und reduzieren Netzausbaubedarf, Redispatch-Maßnahmen und Importabhängigkeiten. Das System wird robuster, fehlertoleranter und besser steuerbar.

Endverbraucher und Wirtschaftlichkeit
Für Endverbraucher – private Haushalte ebenso wie Gewerbe und kommunale Liegenschaften – verschiebt sich die Rolle vom reinen Abnehmer hin zum aktiven Akteur. Eigenverbrauch aus PV, Zwischenspeicherung in Batterien, Nutzung günstiger Solarstromzeiten für Wärme oder Mobilität und perspektivisch Rückspeisung aus Fahrzeugbatterien senken dauerhaft die Energiekosten. Solarstrom ist bereits heute extrem preiswert, und seine lokale Nutzung wird mit sinkender Einspeisevergütung ökonomisch immer relevanter. Der Double-Use-Gedanke ist dabei zentral: Dieselben Systeme, die im Alltag Kosten senken, erhöhen gleichzeitig die Versorgungssicherheit. Für viele Akteure entsteht ein klarer wirtschaftlicher Anreiz, in Multiple-Use-Infrastruktur zu investieren, die Energie, Sicherheit und Komfort miteinander verbindet, ohne zusätzliche laufende Kosten zu verursachen.

Schreibe einen Kommentar